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DLRG-Jugend Westfalen auf den Spuren des Ersten Weltkriegs

Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen, doch die Spuren des Ersten Weltkriegs sind in der Landschaft rund um Verdun bis heute sichtbar. Tiefe Granattrichter durchziehen die Wälder, ehemalige Festungsanlagen liegen im Gelände und von einigen Dörfern sind nur noch Gedenksteine, Kapellen und Hinweisschilder geblieben. Vom 4. bis 7. Juni setzte sich die DLRG-Jugend Westfalen im Rahmen einer Bildungs- und Gedenkstättenfahrt mit der Schlacht von Verdun, ihren Opfern und ihren bis in die Gegenwart reichenden Folgen auseinander.

Die Fahrt knüpfte an frühere Gedenkstättenfahrten an: Nach Auschwitz 2023 und der Normandie 2025 rückte mit Verdun einer der bekanntesten Schauplätze des Ersten Weltkriegs in den Mittelpunkt. Die fast zehnmonatige Schlacht von 1916 zählt zu den längsten und verlustreichsten Auseinandersetzungen des Krieges. Hunderttausende Soldaten wurden getötet, verwundet oder blieben vermisst. Verdun steht bis heute für die Schrecken eines industrialisierten Krieges.

Nach der frühen Abfahrt in Lünen erreichte die Gruppe gegen Mittag Verdun. Erster Programmpunkt war das Mémorial de Verdun. Exponate, persönliche Gegenstände, Fotografien, Dokumente und audiovisuelle Stationen vermitteln die Geschichte der Schlacht und die Erfahrungen der Menschen, die an der Front lebten und kämpften. Das Museum stellt deutsche und französische Perspektiven einander gegenüber und verbindet sie miteinander: Hunger, Kälte, Lärm, Verletzungen und die ständige Bedrohung durch Artilleriebeschuss bestimmten das Leben der Soldaten auf beiden Seiten. Der Museumsbesuch schuf eine wichtige Grundlage für die Einordnung der weiteren Erinnerungsorte.

Anschließend blieb Zeit, Verdun zu erkunden – eine lebendige Stadt, in der die Geschichte bis heute präsent ist.

Am folgenden Tag rückte zunächst die technische Dimension des Krieges in den Fokus: In Duzey besichtigte die Gruppe den Standort des deutschen Fernkampfgeschützes „Langer Max“. Von dort aus wurde Verdun erstmals mit einem weitreichenden Geschütz beschossen. Die Anlage verdeutlicht, mit welchem technischen und materiellen Aufwand die Kriegsparteien versuchten, den Gegner auch über große Entfernungen hinweg zu treffen. Artillerie, Munition und moderne Waffentechnik steigerten die Zerstörungskraft erheblich und machten den Ersten Weltkrieg zu einem Krieg, der nicht nur Soldaten, sondern auch Dörfer, Infrastruktur und ganze Landschaften traf.

Einen deutlichen Kontrast bildete der deutsche Soldatenfriedhof Consenvoye, auf dem mehr als 11.000 Gefallene ruhen. Die Grabkreuze und Namen stehen für einzelne Leben, Familien und persönliche Geschichten. Consenvoye ist zugleich ein bedeutender Ort der deutsch-französischen Erinnerung. Am 22. September 1984 trafen sich dort der französische Staatspräsident François Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und ihr Händedruck während der Gedenkfeier wurde zum Symbol der Versöhnung. Der Friedhof erinnert deshalb nicht nur an Tod und Verlust, sondern auch daran, dass Verständigung und Aussöhnung möglich ist.

Der nächste Halt war Haumont. Das Dorf wurde während der Schlacht von Verdun vollständig zerstört und nach dem Krieg zu einem „für Frankreich gefallenen Dorf“ erklärt. Heute erinnert die Kapelle Saint-Nicolas an die früheren 131 Einwohner. Ein Wiederaufbau ist wegen Blindgängern, Giftgasresten, Kriegsmaterial und nicht bestatteten Gefallenen bis heute nicht möglich. Die scheinbar ruhige Landschaft ist bis heute von den Folgen des Krieges geprägt. Gerade die Leere des ehemaligen Dorfes hinterließ einen nachhaltigen Eindruck: Die Abwesenheit selbst erzählt die Geschichte und zeigt, dass Krieg nicht nur Menschenleben fordert, sondern auch Heimat, soziale Strukturen und jahrhundertelang gewachsene Lebensräume vernichtet.

Auch Fleury-devant-Douaumont gehört zu den Dörfern, die während der Kämpfe vollständig zerstört und anschließend nicht wiederaufgebaut wurden. Hinweisschilder markieren heute die früheren Standorte von Wohnhäusern, Geschäften, Werkstätten und öffentlichen Gebäuden und lassen erahnen, dass sich dort vor dem Krieg ein geselliges Dorfleben abgespielt hat.

Um die Orte weiterhin im öffentlichen Bewusstsein zu halten, besitzen Fleury und Haumont besitzen weiterhin den Status einer Gemeinde, obwohl dort niemand mehr dauerhaft lebt.

Am dritten Tag stand die Anhöhe von Vauquois auf dem Programm. Dort lagen sich deutsche und französische Soldaten in unmittelbarer Nähe gegenüber. Da an der Oberfläche kaum Geländegewinne möglich waren, verlagerten beide Seiten den Kampf unter die Erde. Sie legten rund 17 Kilometer Stollen und Tunnel an, um Sprengladungen unter den gegnerischen Stellungen zu platzieren. Große Krater prägen das Gelände bis heute und haben die ursprüngliche Form des Hügels dauerhaft verändert. Sie zeigen, welche Kräfte bei den Sprengungen freigesetzt wurden und wie stark der Krieg auch die Landschaft veränderte. Zugleich vermitteln die engen, dunklen Stollen einen Eindruck von der psychischen Belastung der Soldaten, die unter schlimmen hygienischen Bedingungen ausharren und jederzeit mit einer unterirdischen Explosion rechnen mussten.

Ein weiterer Erinnerungsort war die Tranchée des Baïonnettes, der sogenannte Bajonettgraben. Der Ort ist mit der Überlieferung verbunden, dass französische Soldaten bei einem Artillerieangriff in ihrem Graben verschüttet worden seien und anschließend nur noch die Bajonette ihrer Gewehre aus der Erde geragt hätten. Ob sich das Geschehen tatsächlich genau in dieser Form ereignet hat, wird historisch unterschiedlich bewertet. Unabhängig davon entwickelte sich der Bajonettgraben zu einem bedeutenden Symbol für die gefallenen und vermissten französischen Soldaten.

Den Abschluss des Tages bildete das UNESCO-Welterbe Fort Douaumont, die größte Festungsanlage im Verteidigungssystem von Verdun. Das Fort spielte während der Schlacht eine zentrale militärische und symbolische Rolle. Dunkle und feuchte Gänge, massive Mauern, enge Räume und schlichte Schlafplätze vermitteln einen Eindruck vom Alltag der Soldaten. Das Fort bot zwar Schutz vor Teilen des Artilleriebeschusses, war jedoch keineswegs ein sicherer oder angenehmer Aufenthaltsort. Enge, schlechte Luft und die gemeinsame Unterbringung von Verwundeten, Toten, Munition und Versorgungsgütern machten das Leben dort äußerst belastend.

Ein besonders bewegender Abschluss der Fahrt war der Besuch des Beinhauses von Douaumont am letzten Tag. In dem monumentalen Bauwerk werden die sterblichen Überreste von mehr als 130.000 nicht identifizierten deutschen und französischen Soldaten aufbewahrt. Vor dem Beinhaus erstreckt sich ein 144.380 Quadratmeter großer französischer Soldatenfriedhof mit 16.142 Grabstätten. Die Vielzahl der Gräber und die im Beinhaus aufbewahrten Gebeine machen das Ausmaß der Verluste sichtbar, ohne dass es sich vollständig erfassen lässt. Jeder Name und jedes Grab stehen für einen Menschen, dessen Leben durch den Krieg beendet wurde. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass die sterblichen Überreste ehemaliger Gegner dort gemeinsam ruhen; Nationalität, Rang und militärische Zugehörigkeit spielen an diesem Ort keine Rolle mehr. Das Beinhaus steht deshalb nicht nur für Trauer und Verlust, sondern auch für eine gemeinsame Form des Erinnerns. Verdun hat sich im Laufe der Jahrzehnte von einem Symbol der Feindschaft zu einem Ort der deutsch-französischen Verständigung entwickelt.

Nach vier intensiven Tagen trat die Gruppe die Rückreise an. Die besuchten Museen, Friedhöfe, Festungsanlagen, Schlachtfelder und zerstörten Dörfer eröffneten unterschiedliche Zugänge zur Geschichte und vermittelten ein eindrucksvolles Bild von Verdun und den bis heute sichtbaren Folgen des Krieges.

Die Fahrt unterstrich erneut den Wert außerschulischer Bildungsarbeit. Wer durch die Gänge des Fort Douaumont geht, vor den Gräbern von Consenvoye steht, die Leere eines zerstörten Dorfes erlebt oder die aufgestapelten Gebeine nicht identifizierter Soldaten sieht, erhält einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte.

Für die DLRG-Jugend Westfalen ist die Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerungskultur ein wichtiger Bestandteil der Jugendbildungsarbeit. Die Fahrten nach Auschwitz, in die Normandie und nach Verdun nehmen unterschiedliche Kapitel der europäischen Geschichte in den Blick. Sie machen deutlich, dass Frieden, Demokratie und internationale Verständigung keine Selbstverständlichkeiten sind. Gerade in einer Zeit, die erneut von Kriegen, politischen Spannungen und gesellschaftlicher Unsicherheit geprägt ist, kann und muss das Bewusstsein dafür, welches Leid und welche langfristigen Folgen Krieg verursacht, ein Maßstab für verantwortungsvolles Handeln in der Gegenwart sein.

 

 

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